#05 Erfahrungsbericht vom Bundesheer: Sturmgewehr STG77 A1 MOD

Vzlt Gerlad Weihs

Vizeleutnant Gerald Weihs ist Schießausbilder an der österreichischen Heeresunteroffiziersakademie in Enns und Gast-Autor unseres Blogs. Aufgrund seiner Positionen schöpft er aus einem riesigen Erfahrungsschatz, in den er uns einmal mehr im folgenden Blogbeitrag Einblick gibt:

 
Das Österreichische Bundesheer wird in den kommenden Jahren deutlich besser ausgestattet. Neben großen Projekten - wie der Modernisierung der Panzerflotte, dem Ausbau von Hubschrauberkapazitäten und der Verbesserung von Kasernen - wird auch die Ausrüstung der Soldaten optimiert.
Dabei geht es vor allem um bessere Standardbewaffnung und Nachtsichtgeräte. Ich durfte im Rahmen einer Fortbildung die Nachtsichtbrille 3D NYX und das Sturmgewehr 77 in der modifizierten Version StG77 A1 MOD im „scharfen Schuss“ testen, und schildere euch meine Eindrücke und Folgerungen.

Im letzten Blogartikel haben wir euch bereits die Testerfahrung mit der Nachtsichbrille 3D NYX geschildert. Aber auch das Sturmgewehr STG77 A1 MOD wurde einem gründlichen Testing unterzogen:

Sturmgewehr 77 A1 modifiziert (StG77 A1 MOD)

Sturmgewehr 77 A1 modifiziert (StG77 A1 MOD)
 Foto: Gerald Weihs

Das bewährte Sturmgewehr 77 in der modifizierten Version A1 MOD wird die Standardbewaffnung des österreichischen Soldaten darstellen, wenngleich die Umrüstung und der Zulauf noch einiges an Zeit in Anspruch nehmen wird.

Im wesentlichen wurden folgende Umbauten vorgenommen?

Der Kolben wurde im Bereich der Patronenauswurföffnung mit einem Hülsenabweiser versehen. Bisher gab es aufgrund des Patronenauswurfs lediglich die Möglichkeit eines „verletzungsfreien“ Rechtsanschlags.(Anm.: nach Modifikation des Kolbens war früher auch ein Linksauswurf vorgesehen, in der Praxis kam dieser aber kaum zur Anwendung).

Jetzt ist es möglich, die Waffe auch in der linken Schulter einzusetzen ohne Gefahr zu laufen, die Patronenhülse nach dem Auswurf zu „fressen“.

- Folgerung - Der Schütze ist nun gefordert diese Anschlagart bzw. den Wechsel von rechts nach links zu trainieren, um z.B. eine günstige Mauerdeckung zum maximalen Eigenschutz auszunützen. In diesem Zusammenhang soll auch der neue Tragegurt erwähnt werden, dessen Länge durch Schnellverschluss sehr rasch angepasst werden kann.

Die Position des Laufgriffs auf der Picatinny-Schiene kann nun individuell auf die Armlänge des Schützen angepasst werden. Damit entfällt der früher oft gesehene aber falsche Waffengriff, mit der linken Hand den Abzugsbügel zu umfassen.

Die entscheidende Kampfwertsteigerung hat aber die Optik erfahren. Beginnend mit dem optischen Visier welches eine 3-fach Vergrößerung (früher 1,5-fach) und „Zielmarken“ (MILDOT) aufweist, konnte die Einsatzschussweite auf 400m erhöht werden.

Das Kreisabsehen des Sturmgewehr 77 A1 MOD

Das Kreisabsehen des Sturmgewehr 77 A1 MOD
Quelle: Dienstvorschrift Bundesheer, StG77 A1 MOD

Noch heute erinnere ich mich voller Begeisterung an die Schießverlegung am Bundesheer-Schießplatz Bruck-Neudorf:

Wir haben uns beginnend mit einer Zielentfernung von 200 m und Verwendung von Leuchtspurmunition in die Tiefe des Gefechtsfeldes geschossen. Ein Kamerad half mir in der Funktion eines „Spotters“, mit präziser Zielkorrektur immer wieder meinen Haltepunkt entsprechend zu verändern. Tatsächlich ist es mir zuletzt gelungen, mit dem Erstschuss auf 640 m einen Wirkungstreffer zu erzielen.

Trainiert wurde in diesem Zusammenhang auch das „Niederhaltefeuer“ und der „Misserfolgsdrill“. Beide Techniken werde ich in einem der kommenden Artikel beschreiben.

Das Rotpunktvisier AIMPOINT Micro T-2 ermöglicht eine rasche Zielauffassung und Bekämpfung auf kurze (bis 50 m) bis zu naher Entfernung (100 m bis 300 m).

Hier hat sich gezeigt, dass die einstellbare Leuchtstärke des Rotpunkts im Visier von entscheidender Bedeutung ist:

Ist die Beleuchtung des Punkts zu stark gewählt, wird das Ziel dadurch verdeckt und eine erfolgreiche Bekämpfung unmöglich. Praktikabel hat sich die Verwendung des Rotpunkts im Distanzbereich von 10 m bis 200 m erwiesen, darüber hinaus wechselte ich auf die 3-fach Optik.

Ergänzt wird das Waffensystem um das bereits bekannte Taktische Laser Licht Modul (TLLM) welches in Verbindung mit der oben beschriebenen Nachtsichtbrille die Nachtkampffähigkeit enorm verbessert.

Der Einsatz des Infrarot-Zielmarkierers in Verbindung mit der 3D-Brille ist eine weitere wesentliche Verbesserung, die dem Schützen eine rasche gezielte Feuereröffnung bei Nacht oder Dunkelheit ermöglicht.

Wesentlich ist vor allem bei Nacht eine klare Kommunikation in der Zielzuweisung:

Die IR-Punkte unterscheiden sich nicht in der Darstellung im Ziel, um eine Mehrfachbekämpfung eines Ziels oder schlimmer, die Nichtbekämpfung eines anderen Ziels zu verhindern, muss die Feuerverteilung im Team klar geregelt sein. Diese sollte aber ohnehin bei Tag bereits geübt werden.

Noch eines:

Die Verwendung der Nachtsichtbrille schränkt gleichzeitig die Verwendung von künstlichem Licht, wie dem GTL (Glock Tactical Light) oder dem Scheinwerfer auf anderen Lichtmodulen ein.

Sollte die Beleuchtung des Ziels vor oder nach der Schussabgabe erforderlich sein, gibt es eine Blicktechnik, bei der der Schütze aus der Nachtsichtbrille durch Kopfverdrehung sozusagen „herausschaut“ oder „vorbeisieht“. Andernfalls hemmt man sich durch die Selbstblendung und wird im schlimmsten Fall getroffen bevor der Wirkungstreffer am Gegner erzielt wurde.

Abschließend und als Fazit halte ich fest, dass die beschriebenen Ausrüstungsgegenstände bzw. Modifikationen dem erwartbaren Spektrum am modernen Gefechtsfeld gerecht werden und somit die Auftragserfüllung und gleichzeitig Überlebenswahrscheinlichkeit des einzelnen Soldaten erhöhen.

Dies gelingt aber nur dann, wenn sich der einzelne Soldat bereits zu Friedenszeiten intensiv mit der Ausrüstung auseinandersetzt, um sowohl im Trockentraining als auch im scharfen Schuss Handlungssicherheit zu erreichen. 

Transporttasche StG77 A1 MOD; zusätzlich Pistole 80 (Glock 17) mit GTL 10 (Glock Tactical Light 10)

Transporttasche StG77 A1 MOD; zusätzlich Pistole 80 (Glock 17) mit GTL 10 (Glock Tactical Light 10) - Foto: Gerald Weihs 

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Wir bedanken uns wieder einmal vielmals bei Vzlt Weihs für die Einblicke und das Teilen seiner Erfahrungen!

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